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Ein Leben lang lernen…

Dai Sifu Tassos und mein Vater lernten sich schon vor langer Zeit im Jugendhaus in Sindelfingen kennen.

Sifu Tassos gab dort seinen ersten Unterricht und mein Vater war einer seiner frühen Schüler. Damals waren es nur wenige, doch das Können des Sifus überzeugte so viele Menschen, dass eine größere Schule schon sehr bald notwendig wurde. Mein Vater half dem Sifu beim Umzug und der Einrichtung seiner neuen Schule in Sindelfingen-Maichingen und so ergab es sich, dass ich Dai-Sifu Tassos am Abend der Eröffnung zum ersten Mal begegnete.

Es existiert ein Video(link), das Teile jener beeindruckenden Demonstration zeigt, die Sifu Tassos dem Publikum an diesem Abend im Jahre 1988 gab. Ich war damals noch ein Kind, aber was ich sah überwältigte und faszinierte mich. Das war nicht die Choreografie eines jener Bruce Lee-Filme, die wir als Kinder sahen – das war echt! Andererseits empfand ich die Kämpfernatur des Sifus auch als beängstigend, als Furcht einflößend.

Allerdings bestand zu jener Zeit gerade darin auch mein Problem: in der Furcht vor dem echten Kampf, vor realer körperlicher Gewalt. Ich war mit diesem Problem auch nicht allein und wäre es auch heute noch nicht. Für viele Menschen und ganz besonders für Kinder und Jugendliche ist diese Angst ein Problem, denn diese Angst macht einen zum Opfer, zum idealen Opfer. Wer Angst vor dem Kampf hat, versucht nicht nur ihn zu vermeiden, er zieht ihn förmlich an, und das ohne sich wehren zu können vor lauter Angst.

Jahre später erst schaffte ich es, mich dieser Angst zu stellen, indem ich regelmässig bei Sifu Tassos zu trainieren begann, und ich gebe es zu: ich war ein schlechter Schüler. Die Formen übte ich nur ungern und die Anwendungen beherrschte ich mehr schlecht als recht. Und dennoch: Durch die Unterweisungen des Sifu lernte ich Selbstsicherheit, ich lernte keine Angst mehr zu haben und Ohnmacht in jene Ausstrahlung zu verwandeln, die anderen deutlich vermittelt, dass man als Opfer nicht so leicht zu haben ist. Seither wurde ich nie wieder persönlich mit Gewalt konfrontiert. Den Unterricht brach ich damals mit dem 4ten SG ab, ich hatte erreicht, was ich erreichen wollte.

Oder was ich glaubte, erreichen zu müssen. Tatsächlich nagte es immer wieder an mir, dass ich Ving- Tshun begonnen, aber nie beendet hatte. So war ich doch froh über die wenigen Gelegenheiten, da ich mit anderen, fortgeschritteneren WT-Schülern ein wenig üben konnte, und immer wieder aber auch überrascht, dass ich deren Erwartungen übertraf. Obwohl ich ein schlechter Schüler war, saßen bestimmte Prinzipien und Techniken doch besser als anzunehmen – eine Folge davon, dass ich sie eben nicht von irgendwem, sondern von Sifu Tassos gelernt hatte, der immer schon allerhöchsten Wert auf Präzision und richtige Anwendung legte.

Umso mehr nagte es an mir, diesen Weg nicht zu Ende gegangen zu sein, sondern ihn abgebrochen zu haben, weil ich es nicht mehr für nötig hielt ihn weiter zu gehen. Wozu auch? Eine Notwendigkeit ergab sich für mich nicht mehr – zumindest scheinbar. Ich war friedlich, aber doch kräftig und im Zweifelsfall auch zu genügend Temperament fähig, um einem Kampf weder aus dem Weg zu gehen, noch ihn suchen zu müssen.

16 Jahre lang bin ich damit gut durchs Leben kommen, 16 Jahre aber auch der persönlichen Entwicklung, und besonders im letzten gewann das Thema des Kämpfens für mich wieder an Bedeutung. Gar nicht einmal, was den Kampf mit anderen betrifft, sondern den Kampf mit sich selbst, mit seinen eigenen Schwächen und unvollkommenen Stärken.

Wer einmal die Ehre hatte, mit Sifu Tassos ChiSao zu üben, der weiß, dass es sowohl die eigenen Schwächen, als auch die vermeintlichen Stärken sind, die einem am meisten im Weg stehen. Wie oft habe ich es gesehen, dass er seinen Schülern ihre Fehler offenbarte, wie oft bei mir selbst erlebt. Und dennoch bedarf es sehr viel Übung, im Grunde eines Kampfes gegen den eigenen Widerstand, um von den Lehren des Sifus wirklich lernen zu können.

Als wir, Sifu Tassos, mein Vater und ich uns schließlich nach 16 Jahren wieder trafen, demonstrierte er mir das aufs Neue. Stolz darauf doch immerhin einiges von dem behalten zu haben, was er mir beibrachte, erzählte ich ihm davon. Und er zeigte mir, wie unbedeutend es war und ist. Nicht etwa, dass ich unbedeutend sei, sondern meine Selbstüberschätzung, meine unkontrollierte Kraft. Nachdem er mir einst beibrachte, keine Angst mehr zu haben, brachte er mich damit auf den Weg die versteckten Hürden meines eigenen Egos zu überwinden.

Bewusst spreche ich hier von einem Weg, denn nach so langer Zeit sehe ich in Ving Tshun nicht mehr einfach ein System, das abschließbar wäre, sondern einen Weg des Lernens für Körper und Geist – den wahren Bushi-do, den Weg des Kämpfers, der die Perfektion zum Ziel hat, und somit ein lebenslanger ist. Und für jeden Schritt auf diesem Weg, den mein Sifu begleitet, bin ich ihm dankbar – und wie ließe sich mein Dank besser ausdrücken, als in meiner festen Absicht dieses Mal ein besserer Schüler zu sein – und darin, das von ihm Erlernte in seinem Sinne an die Welt weiter zu geben:

als Respekt und als Aufrichtigkeit, wie sie einen Meister der Kampfkunst wie Dai-Sifu Tassos im Leben auszeichnen.

Alexander Nicolai