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Dai-Sifu Tassos – Meine Erlebnisse bei der Bundeswehr

Nun sind schon fast vier Wochen vergangen, dass ich den Nahkampflehrgang bei der Fallschirmjägereinheit des Heeres geleitet habe und einige Bildberichte auf der IDVTA-Website veröffentlicht wurden.

Bisher bin ich zeitlich nicht dazu gekommen, doch natürlich möchte ich meinen Erfahrungsbericht nicht vorenthalten.

Zuerst möchte ich mich ganz öffentlich für die positiven Rückmeldungen bedanken, die mich persönlich oder per E-Mail erreicht haben.

Natürlich hatte ich mit Reaktionen – positiv wie auch negativ – gerechnet, was aber seit dem Lehrgang passiert übersteigt meine Erwartungen.

Nun aber zum Lehrgang:

Es ist zwar schon ein paar Jahrzehnte her, dass ich selbst Soldat (bei der griechischen Armee) war. Als ich aber am ersten Abend in der Kaserne ankam, wurden doch einige Erinnerungen geweckt. Die herzliche Begrüßung durch Hauptmann F. war ein toller Start in eine interessante Woche. Es entstand sehr schnell ein gegenseitiges Vertrauen zwischen uns beiden.

Nach einem Frühstück im Offizierskasino begannen wir am nächsten Morgen pünktlich um 09.00 Uhr mit dem Training in der Sporthalle. Sehr klassisch aber effektiv (und gesund) begann ich den Unterricht mit den ersten zwei Sätzen der Siu-Nim-Tao-Form. Schon dabei konnte ich sehen, wie es um die Power und Gelenkigkeit bei den Teilnehmern steht.

Eines stand schnell fest: Körperkraft und Motivation waren in hohem Maße vorhanden! Tag pro Tag baute ich darauf auf.

Nach ein paar kleinen Demonstrationen hatte ich die volle Aufmerksamkeit!

Wie ich es schon seit über 25 Jahren gewöhnt bin, begegneten mir die Teilnehmer mit einer anfänglichen Skepsis. Ich weiß, dass viele sich unter einem „Kampfkunstmeister“ einen (optisch) vollständig durchtrainierten Übermenschen vorstellen und freute mich daher um so mehr, für Überraschungen sorgen zu können. Wie ich schon andeutete, gab es an der Fitness der Soldaten nicht zu rütteln – manche hatten auch schon Nahkampf- bzw. Kampfsporttrainings absolviert. Jetzt war es an mir, sie von meinem Dynamic VingTshun zu überzeugen. Nach ein paar kleinen Demonstrationen hatte ich die volle Aufmerksamkeit!

Wie eigentlich schon immer in meinem Leben, habe ich mich hinsichtlich der Unterrichtsinhalte von meiner Intuition leiten lassen und mich in erster Linie darauf konzentriert herauszufinden, was die Soldaten für den Kampf bzw. ihre speziellen Einsatzbereiche „brauchen“. Auf dieser Basis wählte ich Teile meiner DVT-Programme aus. Die Zeit war knapp und wir vom Ziel noch ein gutes Stück entfernt.

Der klare Vorteil lag in der Motivation der Teilnehmer, die hochkonzentriert und „offen für Neues“ an das Training herangingen. Wir konnten also so sehr effektiv „arbeiten“.

Sie hatten eine unglaubliche Kondition. Obwohl wir den ganzen Tag trainiert haben und sie noch ihren Bundeswehr-Verplichtungen nachgekommen sind haben sie vom ersten Tag bis zum letzten Tag keine Kondition verloren. Sie haben gekämpft bis zum Schluss. Kameradschaft und Disziplin war auch nicht zu übersehen.

„Wenn jemand nichts mehr zu verlieren hat, dann muss er seine Chancen kennen.“

Ein wichtiges (Gesprächs-)Thema waren immer wieder die Distanzen, denn wenn es vermeidbar ist, wird kein Soldat einen potentiellen Gegner so nah an sich heran lassen, dass es für einen „körperlichen“ Angriff reichen würde. Dafür gibt es schließlich Distanzwaffen wie Gewehr und Pistole. Wären da nicht auch noch anderen Situationen in Nahdistanzen, die wirklich gefährlich werden können – also bei Personenkontrollen, Durchsuchungen von Gebäuden u.ä.

Wir konzentrierten und also auf… Die Nahdistanz und ihre Waffen.
Mit Waffen meine ich neben Messer und Stock auch unseren Körper den wir – mit dem entsprechenden Training – als Waffe einsetzen können. Es ging also um den Kampf mit Waffen gegen Waffen und „waffenlos“ gegen Waffen. Ein wichtiger Abschnitt war hierbei, wie man sich am besten aus einer Bedrohungssituation befreit, den Gegner kontrolliert (bzw. ausschaltet) und dabei das Risiko selbst verletzt zu werden minimiert.

Für viele wurde durch diesen Unterrichtsabschnitt noch deutlicher, wie gefährlich vor allem Messeranwendungen in der Nahdistanz sind und dass jede kleine Bewegung schwere oder finale Verletzungen herbeiführen könnte.

Um den realen Anforderungen des täglichen Dienstes zu entsprechen, trainierten wir auch für einen Zeitraum mit den schweren Schutzwesten (ca. 20kg) der Bundeswehr.

Hier zeigte sich, dass „die Masse träge ist“, d.h. die Schwierigkeit darin liegt, das eigene Gewicht nach vorne zu beschleunigen. Aber was würden die tollsten Techniken bringen, wenn sie für den Einsatz unter realen Bedingungen nicht geeignet wären. Die DVT-Schrittarbeit bot auch hierfür eine Lösung.

Die Geschwindigkeit der Anwendung brachte  den „Fotografen“ und die Fototechnik an die Grenze seiner Möglichkeiten.

Mit Genehmigung durch Hauptmann F. durfte ich während des Lehrgangs einige Fotos aufnehmen lassen. An dieser Stelle bitte ich um Verständnis, dass unsere Lehrgangsteilnehmer auf den Bildern unkenntlich gemacht wurden.

Es dient der Sicherheit der Soldaten. Neben den Persönlichkeitsrechten der Teilnehmer steht für mich aber auch der Schutz meiner Techniken.

Die Auswahl der Bilder zeigt immer nur Momentaufnahmen – die Geschwindigkeit der Anwendung brachte den „Fotografen“ und die Fototechnik an die Grenze seiner Möglichkeiten.

Ganz bewusst habe ich aber auch Bilder ausgesucht, die lediglich einen Eindruck vermitteln, jedoch keine „Finaltechniken“ darstellen. Mehr DVT gibt es bei mir persönlich oder in einer der IDVTA-Schulen.

Insgesamt blicke ich zurück auf eine effektive Trainingswoche in der Gesellschaft angenehmer und interessierter Lehrgangsteilnehmer.

Besonders freute mich, als sich einige der Teilnehmer schon als „private“ Teilnehmer für meinen nächsten Lehrgang in Stuttgart angemeldet haben. Natürlich sind alle herzlich willkommen!

Die persönlichen Gespräche mit den Soldaten brachten für mich interessante, amüsante aber auch sehr beunruhigende Berichte auf die Tagesordnung.

Ich möchte mir ehrlich gesagt gar nicht vorstellen, in welcher Sorge sich Eltern befinden müssen, deren Nachwuchs sich für einen solch „intensiven“ Beruf entscheiden und letztendlich auch mit Einsätzen in Krisen- bzw. Kriegsgebieten rechnen müssen.

Natürlich hatte ich es bei diesem Lehrgang mit erwachsenen Menschen und Profis zu tun die hoffentlich soweit gut ausgerüstet und ausgebildet sind, dass alle immer wieder heil aus den Einsätzen zurück kommen.

Danke für die Mitarbeit und bis hoffentlich bald beim nächsten Lehrgang!

Euer Dai-Sifu ‚Tassos‘
Anastasios Panagiotopoulos